In der ukrainischen Gemeinschaft in Hamburg gibt es viele talentierte Musiker, Künstler und Schauspieler. Heute sprechen wir mit der Künstlerin Angela Kushchyk.

Durch die bewaffnete Aggression Russlands gegen die Ukraine lebst Du jetzt faktisch in zwei Ländern: physisch befindest Du Dich größtenteils in Deutschland, aber in der Ukraine bleiben weiterhin Deine Angehörigen, Deine Projekte und ein Teil deines Herzens. Wie lebt es sich für Dich in Hamburg?
In einem neuen Land Freunde zu finden, ist nicht so einfach, und allein zu bleiben ist schwer. Heute leben wir in einer so schwierigen Zeit – der groß angelegte Krieg hat das Leben der Ukrainer in ein „Davor“ und „Danach“ geteilt, und jeder Tag in der Ukraine wird mit Menschenleben erkämpft. Leider beginnt die Welt, sich an Kriege zu gewöhnen… Wie sehr fehlt es heute Empathie! Deshalb: Wenn ich einen interessanten Menschen treffe, jemanden, der mir sympathisch ist und in dem ich eine gewisse Schutzlosigkeit wahrnehme, möchte ich ihn sofort mit Wärme umhüllen und beschützen – dann male ich ein zartes, stilles Porträt, tauche ein in die innere Welt des Menschen, in seinen psychischen Zustand. Zurzeit arbeite ich an einer Serie von Porträts von Hamburgern.



Wie lange arbeitest Du an einem Porträt?
Der Entstehungsprozess kann Monate dauern. Wenn ich von einem Menschen eine sehr starke Emotion empfange – zum Beispiel durch wunderschöne Musik, begabtes Dirigat, ausdrucksstarke Kunst oder ein beeindruckendes Buch – das kann auch einfach nur „reiner Schmerz“ oder „ein glücklicher Moment“ sein – dann male ich das Porträt expressiv, etwas ungezügelt, sehr schnell, denn das Porträt dieser Person soll ihre Einzigartigkeit und den Geist der Zeit vermitteln.
Das heißt, die Inspiration kann jederzeit den Weg zu Dir finden?
So ist auch das Porträt von Martin entstanden. Vor einem Jahr war ich bei der Feier zum 10-jährigen Jubiläum des Deutsch-Ukrainischen Kulturvereins in Hamburg. Das Ensemble „Oranta“ sang das barocke Stück „Lob will ich darbringen“, und Martin dirigierte. Der Zustand, in dem sich der Dirigent befand, war hypnotisch – ich hörte den wunderbaren Gesang und beobachtete gleichzeitig die Hände. Es war fantastisch und sehr professionell, ich fühlte Euphorie und erinnerte mich zugleich daran, dass in der Ukraine Krieg herrscht. Die Emotionen waren völlig gegensätzlich – von Glück bis zu durchdringendem Schmerz. Als ich nach Hause zurückkehrte, wollte ich im selben Moment ein Porträt von Martin malen.
Dieses Porträt ist wirklich beeindruckend. Vielen Dank, dass Du uns an der der Geschichte seiner Entstehung und den Geheimnissen Deines kreativen Schaffens hast teilhaben lassen. Wir freuen uns auf Deine nächste Ausstellung in Hamburg.